Amerinidische Sprachen

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Amerindisch, auch Amerind oder Amerindische Sprachen, ist eine von Joseph Greenberg vorgeschlagene Makrofamilie, die er in seinem Werk Language in the Americas von 1987 ausführlich beschreibt und begründet. Das Amerindische nach der Definition Greenbergs umfasst alle Sprachen der indigenen Völker Amerikas, ausser den eskimo-aleutischen Sprachen und den Na-Dené. Die amerindische Hypothese wird von der Mehrheit der Amerikanisten nicht akzeptiert. Sie wurde im Gegenteil in manchmal auch aggressiven Beiträgen regelrecht bekämpft.

Inhaltsverzeichnis

Die Dreiteilung der amerikanischen Sprachen nach Greenberg

Nach der erfolgreichen Klassifikation der afrikanischen Sprachen untersuchte Greenberg die indigenen Sprachen Amerikas, die nach mehrheitlicher Auffassung der einschlägigen Forschung in hunderte genetische Einheiten und isolierte Sprachen zerfallen. Sein 1987 veröffentlichtes Ergebnis ist die Einteilung aller amerikanischen Sprachen in nur drei genetische Gruppen:

Diese Dreiteilung wird durch humangenetische Untersuchungen von Cavalli-Sforza (vgl. Cavalli-Sforza 1996) und durch archäologische Forschungen gestützt, die zeigen, dass diese drei Gruppen zu unterschiedlichen Zeiten von Sibirien über die Bering-Strasse nach Amerika eingewandert sind, zuerst die Träger der amerindischen Sprachen, dann die Na-Dené-Völker, zuletzt die Eskimos.

Greenbergs Methode und ihre Kritik

Während das Eskimo-Aleutische und prinzipiell auch das Na-Dené als genetische Einheiten schon lange anerkannt waren, fand und findet das Konzept der amerindischen Sprachen bei den meisten Amerikanisten keine Unterstützung. Für den heutigen Stand der Amerikanistik typisch ist die Darstellung von Lyle Campbell, American Indian Languages (1997) mit weit über 200 separaten genetischen Gruppen und vielen isolierten Sprachen (siehe unten die Gegenüberstellung von Greenbergs Amerindisch mit den genetischen Einheiten Campbells).

Lexikalischer Massenvergleich

Die sehr massive und zum Teil überzogene amerikanistische Kritik galt hier nicht nur Greenbergs Klassifikationsergebnis, sondern vor allem seiner Methode des lexikalischen Massenvergleichs, bei der die Klassifikation sich aus dem Vergleich von Wörtern und Morphemen aus einer sehr grossen Gruppe von Sprachen ergibt (im Fall des Amerindischen nahezu aller indigene Sprachen Amerikas). Dabei werden Wortgleichungen aufgestellt und aus diesen die Klassifikationen abgeleitet; die Etablierung von Lautgesetzen und die Rekonstruktion von Protosprachen ist dann ein zweiter Schritt, der die Ergebnisse der vorhergehenden Klassifikationshypothese bestätigt, verfeinert oder auch widerlegt. (Diesen zweiten Schritt hat Greenberg in der Regel anderen überlassen.) Die Methode des Massenvergleichs hatte Greenberg auch schon bei seiner inzwischen weitgehend akzeptierten Klassifikation der afrikanischen Sprachen angewandt. Es ist letztlich auch die Methode, mit der die Forscher des frühen 19. Jahrhunderts die genetische Einheit und die im Wesentlichen korrekte Gliederung des Indogermanischen oder Finno-Ugrischen erkannten, lange bevor Lautgesetze etabliert oder Protosprachen rekonstruiert wurden.

Viele Kritiker Greenbergs haben offensichtlich diese selbstverständlichen Vorstufen der rigiden historisch-vergleichenden Linguistik vergessen. Greenbergs Methode ist also induktiv-heuristisch, während die Methodik der klassischen Vergleichenden Sprachwissenschaft scheinbar streng deduktiv ist. Seit David Hume und spätestens seit Karl Popper wissen wir, dass (ausser der axiomatischen Mathematik) jede Wissenschaft - gleich ob Natur- oder Geisteswissenschaft - nur induktiv sein kann.

Fehlerhaftes Datenmaterial

Darüber hinaus wurden Greenberg zahlreiche Fehler in seinem Datenmaterial vorgeworfen (vgl. Lyle Campbell 1997), wie falsche oder nicht-existierende Wörter, Verwendung verzerrter oder überdehnter Bedeutungen, Wörter, die den falschen Sprachen zugeordnet wurden, falsche Zerlegung des Wortmaterials in Präfixe, Wortkern und Suffixe. Obwohl Greenberg in mehreren Aufsätzen seine Methode verteidigte und auch zeigte, dass viele Vorwürfe nicht zutrafen (diese Aufsätze sind in Greenberg 2005 zusammengefasst), muss man zugestehen, dass die nachweisbaren Fehler in der Greenbergschen Beweisführung nicht unerheblich zur fehlenden Akzeptanz des Amerindischen beigetragen haben.

Erfolg der kleineren Einheiten

Lediglich mittelgrosse und kleinere genetische Einheiten seiner Klassifikation (die zu einem grossen Teil schon von Edward Sapir Anfang des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen worden waren) konnten durch weitere Forschungsarbeiten bestätigt werden, was bei der heutigen Zerrissenheit der linguistischen Landschaft Amerikas auch schon ein grosser Fortschritt ist. Das Aufzeigen oder endgültige Widerlegen der Verwandtschaft grösserer Sprachgruppen Amerikas wird sicher noch einige Jahrzehnte intensiver linguistischer Feldarbeit und vergleichender Forschung erfordern, wenn dies nicht durch das heute bereits zu beobachtende alarmierend rasche Aussterben von Indianersprachen vorzeitig unmöglich gemacht wird. Das Greenbergsche Konzept „Amerind“ bleibt bis dahin als maximale Reduktion der Anzahl separater Sprachfamilien in Amerika ein Arbeitsprogramm, dem sich eigentlich jeder genetisch arbeitende Amerikanist verpflichtet fühlen sollte.

Generelle Probleme bei der Klassifikation amerikanischer Sprachen

Im Falle der amerikanischen Sprachen wird allerdings die einvernehmliche Grossgliederung dadurch erschwert, dass einerseits in grossen Teilen Amerikas (vor allem in Südamerika) viele Sprachen bisher nur ungenügend erforscht und dokumentiert wurden und dies aufgrund des dramatischen raschen Aussterbens vieler Sprachen teilweise auch nicht mehr nachgeholt werden kann. Andererseits erlaubt die Vielfältigkeit und Vielzahl der Sprachen (etwa 1000, davon rund 400 ausgestorben) es auch kaum einem einzigen Amerikanisten, über das für die Klassifizierung vieler Sprachfamilien nötige Detailwissen zu verfügen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Wissensaustausch zwischen englischsprachigen Linguisten einerseits sowie spanisch-portugiesischen Forschern andererseits institutionell, ausbildungsmässig und bezüglich kulturbedingter Vorurteile recht gering ist.

Zeittiefe der Protosprache

Ein grundlegendes Problem des Amerindischen ist - wie bei allen vorgeschlagenen Makrofamilien - die grosse Zeittiefe ihrer hypothetischen Protosprache. Es ist unwahrscheinlich, dass die Träger des Amerindischen bei der Besiedlung Amerikas vor etwa 12.000 Jahren eine einzige Sprache besassen. Im Gegenteil ist schon von einer Diversifizierung der späteren amerindischen Sprachen in Nordostasien auszugehen. Ein hypothetisches Proto-Amerind (das Greenberg und seine Anhänger zu keinem Zeitpunkt zu rekonstruieren versucht haben) müsste ein Alter von mindestens 15.000, wenn nicht 20.000 Jahren haben. Die meisten Forscher der vergleichenden Linguistik - nicht nur die Amerikanisten - sind der Ansicht, das phonetische, grammatische und lexikalische Gemeinsamkeiten nach so langer Zeit nicht mehr nachweisbar sind.

"Lumper" und "Splitter"

Gerade in der Amerikanistik besteht ein sehr breiter Graben zwischen den "lumpers", die möglichst viele Sprachen in möglichst wenigen, grossen Familien zusammenfassen möchten, und den "splitters", die äusserst kritisch gegenüber nicht über jeden Zweifel erhabenen genetischen Einheiten sind, was zu einer Vielzahl kleiner und kleinster genetischer Gruppen und isolierten Sprachen führt. Entsprechend sehen die einen Linguisten nur eine (Amerind) oder höchstens ein Dutzend genetische Grosseinheiten, während andere Linguisten bis zu 200 Sprachfamilien und isolierte Einzelsprachen auf dem amerikanischen Doppelkontinent annehmen. Generell ist festzustellen, dass bei der Klassifikation von Sprachen zwei Arten von Fehlern gemacht werden können, die prinzipiell gleich schlecht sind: einerseits das fehlerhafte Zusammenfügen von Sprachen, die genetisch nicht verwandt sind; andererseits das Nichterkennen (schlimmer noch: nicht erkennen wollen) von genetischen Verwandtschaften. (Der zweite Fehlertypus wird eigenartiger Weise oft als weniger schwerwiegend betrachtet.) Beide Fehlertypen scheinen bei der Klassifikation der amerikanischen Sprachen eine Rolle zu spielen.

Amerindisch und seine Gliederung

Im Folgenden wird das Amerindische und seine Gliederung nach Greenberg 1987 dargestellt. Greenberg gliederte die amerindischen Sprachen in sechs Primärzweige, nämlich Nord-Amerind (nordamerikanische Sprachen), Zentral-Amerind (mittelamerikanische Sprachen) und die südamerkanischen Einheiten Chibchan-Paezan, Andisch, Äquatorial-Tucano und Ge-Pano-Carib.

In der folgenden Darstellung sind in Klammern die genetischen Einheiten nach Campbell 1997 angegeben. Dadurch ergibt sich eine Konkordanz zwischen den Untereinheiten Greenbergs und den genetischen Einheiten (Sprachfamilien und isolierten Sprachen) Campbells, der in seinem Werk die aktuelle Mehrheitsmeinung zur Klassifikation der amerikanischen Sprachen umfassend darstellt. Die Einheiten Campbells liegen auch den unten angegebenen Weblinks zur Klassifikation der nord-, mittel- und südamerikanischen Sprachen zu Grunde.

Gliederung des Amerindischen nach Greenberg und Konkordanz zu Campbell

In Klammern sind die genetischen Einheiten nach Campbell 1997 angegeben, die den Untergruppen Greenbergs 1987 entsprechen.

  • Nord-Amerind
    • Almosan-Keres
      • Almosan (Algonkin-Ritwan, Kutenai, Chimakum, Salish, Wakashan)
      • Keres-Gruppe (Caddo-Pawnee, Irokesisch, Keres, Sioux, Yuchi)
    • Penutisch
      • Kalifornisch (Maidu, Miwok-Costano, Wintu, Yokuts)
      • Chinook (Chinook)
      • Mexikanisch (Huave; Maya, Mixe-Zoque, Totonac-Tepehua)
      • Oregon (Alsea, Coos, Takelma-Kalapuya, Siuslaw)
      • Plateau (Cayuse, Klamath-Modoc, Molala, Sahaptin - Nez Perce)
      • Tsimshian (Tsimshian)
      • Yuki-Gulf (Atakapa, Chitimacha, Muskogee, Natchez, Tunica, Yuki-Wappo)
      • Zuni (Zuni)
    • Hoka
      • Nukleares Hoka
        • Nord-Hoka (Karuk, Shasta, Chimariko; Yana; Pomo)
        • Washo (Washo)
        • Esselen-Yuma (Esselen, Yuma-Cochimi)
        • Salinan-Seri (Salinan, Seri, Chumash)
        • Waicuri (Guaicura)
        • Maratino (Maratino)
        • Tequistlatec (Tequistlatec)
      • Coahuiltecan (Tonkawa, Coahuilteco, Comecrudo, Karankawa)
      • Subtiaba-Tlapanec (siehe Oto-Mangue)
      • Jicaque (Jicaque)
      • Yurumangui (Yurumangui)
  • Zentral-Amerind
    • Kiowa-Tano (Kiowa-Tano)
    • Oto-Mangue (Oto-Mangue)
    • Uto-Aztekisch (Uto-Aztekisch)
  • Chibcha-Paez
    • Makro-Chibcha
      • Cuitlatec (Cuitlatec)
      • Lenca (Lenca)
      • Nukleares Chibcha (Chibcha, Misumalpa)
      • Tarascan (Tarasco)
      • Xinca (Xinca)
      • Yanoama (Yanomam)
    • Makro-Paezan
      • Nukleares Paezan (Andaqui, Barbacoa, Choco, Paez)
      • Sonstiges Paezan (Huarpe, Atacama, Betoi, Chimu-Mochica, Itonama, Jirajara, Mura, Matanawi, Timucua, Guarao)
  • Andisch
    • Aymara (Aymara)
    • Itucale-Sabela (Urarina, Sabela)
    • Kahuapana-Zaparo (Cahuapana, Zaparo)
    • Nord-Andisch (Sechura-Tallan, Cholon-Hibito, Culle, Leco)
    • Quechua (Quechua)
    • Süd-Andisch (Alacaluf, Araucano [Mapudungu], Chon, Yamana)
  • Äquatorial-Tucano
    • Makro-Tucano (Tucano; Aushiri, Kanichana, Kapixana, Katukina, Gamela, Aikana-Tubarao, Irantxe, Maku, Sape, Arutani, Koaya, Movima, Munichi, Nambiquara, Natu, Pankararu, Puinave, Makú, Xukuru, Ticuna, Yuri, Huamoe)
    • Äquatorial
      • Makro-Arawak (Arawak, Chapacura, Guamo, Puquina; Guajibo, Katembri, Otomaco, Tinigua)
      • Jibaro-Kandoshi (Cofan, Esmeralda, Jivaro, Kandoshi, Yaruro)
      • Kariri-Tupi (Tupi, Kariri)
      • Sonstiges Äquatorial (Cayubaba, Camsa, Saliva-Piaroa, Taruma, Timote, Trumai, Tuxa, Yuracare, Zamuco)
  • Ge-Pano-Carib
    • Makro-Carib (Carib; Andoque, Bora-Witoto, Kukura, Peba-Yagua)
    • Makro-Pano (Pano-Tacana; Charrua, Lengua-Mascoy, Lule-Vilela, Mataco, Guaikuru, Moseten)
    • Makro-Ge (Ge, Bororo, Botocudo, Karaja, Rikbatsa, Guato, Kamaka, Mashakali, Ofaye, Puri; Chiquitano, Oti, Jabuti)

Literatur

  • Joseph Greenberg: Language in the Americas. Stanford University Press 1987.
  • Joseph Greenberg: Classification of American Indian Languages: a Reply to Campbell. Language 65, 1989.
  • Lyle Campbell: American Indian Languages. Oxford University Press 1997.
  • Merritt Ruhlen: A Guide to the World's Languages. Arnold, London 1987. Erweiterte Paperback-Ausgabe 1991.
  • Luigi Luca Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen. Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. Hanser, München-Wien 1999.

Weblinks


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